ff-extra Bauen und Wohnen

Verfasst von im Mrz 13, 2012 in Blog, Fallbeispiele
ff-extra Bauen und Wohnen

Die Gegend ist bäuerlich-urig. Hier, oberhalb von Vintl im Pustertal, sagen sich wahrscheinlich Hase, Igel, Fuchs und noch jede Menge anderer wilder Tiere gute Nacht. Und auch sonst dürfte die Idylle nicht allzu sehr gestört werden. Umso unerwarteter ist es für den Besucher, nach einer kurzen Fahrt über die schmale Straße und durch enge Kehren vor der modernen Interpretation eines Einfamilienhauses zu stehen. Mit seinen linearen Formen und der roten Außenfarbe steht es selbstbewusst inmitten der rustikalen Umgebung.

Unterstrichen wird der moderne Baustil noch von dem in Sichtweite stehenden Bauernhaus, das mit seinem traditionellem Aussehen einen unübersehbaren Kontrast bildet. Gerlinde Dorner und Hansjörg Schiner haben sich hier ihren Traum vom eigenen Heim verwirklicht; und man merkt den beiden an, wie zufrieden sie mit dem Ergebnis sind. „Für uns stand von Anfang an fest, dass wir ein modernes Haus wollten“, erklären die beiden unisono. „Wir wollten kein nachgebautes Bauernhaus. Nicht, dass mir das nicht gefällt“, präzisiert Hansjörg Schiner, „ aber heute gibt es einfach andere Materialien, neue Techniken und Baustoffe. Ich bin der Meinung, dass ein Haus nach dem Stand der jeweiligen Zeit gebaut werden sollte. Früher hatte es einen Sinn, nur kleine Fenster zu bauen, weil damit der Wärmeverlust in Grenzen gehalten wurde. Heute, mit den neuen Materialien, ist das nicht mehr notwendig.“

Und klein sind die Fenster im Hause Dorner/Schiner wahrlich nicht. Vielmehr ist das Innere durch massiven Einfall von Tageslicht gekennzeichnet, das das Gefühl, in einem Raum zu sein, fast gänzlich aufhebt. Dazu trägt auch die großzügige Raumhöhe bei, die weit über das üblich vorgeschriebene Maß hinausgeht. „Vor allem war es mir ein Anliegen, den Eingangsbereich offen und hell zu gestalten“, erklärt der Hausherr. „Viel zu oft kommt man in ein Haus und hat das Gefühl, fast erdrückt zu werden.“

Vom offenen und dank des Einsatzes von viel Glas sehr hellen Eingangsbereich aus sind fast alle Zimmer des Hauses aus zu erreichen. Wobei die 160 Quadratmeter Fläche in eine verhältnismäßig geringe Anzahl von Räumen aufgeteilt wurden. „Wir wollten bewusst weniger, dafür aber größere Räume. Vor allem die Zimmer, in denen wir uns während des Tages aufhalten, wollten wir lieber etwas größer haben, die Fläche der so genannten Nutzräume sollten auf das Notwendigste beschränkt bleiben“, erzählt Hansjörg Schiner.

Bad und Schlafzimmer übersteigen deshalb auch nicht die üblichen Dimensionen. Als einzigen Luxus in diesem Bereich gönnte sich das Paar den vom Schlafzimmer aus erreichbaren Raum, der als begehbarer Schrank benutzt wird. Umso großzügiger plante Architekt Martin Stauder den Wohnzimmerbereich, der ein wenig tiefer liegt als der Eingang. Der Besucher steigt einige Stufen hinab und steht dann mitten im Herzstück des Hauses. Klar dominiert wird dieser Raum von einem ungewöhnlichen Holzofen. Durch seine lang gestreckte Form dient er neben seiner Funktion als Wärmequelle auch als Raumteiler. „Dadurch haben wir erreicht, dass der Raum trotz seiner Größe nicht zu riesig wirkt, dabei aber trotzdem angenehm offen bleibt“, beschreibt der Hausherr.

Der Entwurf des Ofens stammt ebenfalls vom Architekten des Hauses. In Martin Stauder hatte das Paar einen Verbündeten in seinem Bemühen gefunden, ein helles und offenes Haus zu bauen. Ebenso unterstützte der Architekt den Wunsch der beiden, ein möglichst naturnahes und dem ökologischen Gedanken verpflichtetes Heim zu errichten. Die Entscheidung, das Gebäude in Holzbauweise zu bauen, war demnach nur konsequent. „Darauf haben wir wirklich Wert gelegt“, bekräftigt der Hausherr.

Ein Objekt, das ebenfalls sofort die Blicke jedes Besuchers anzieht, ist der massive Tisch, der zwölf Gästen gemütlich Platz bietet. „Ja, “ schmunzelt der Hausherr, „ das mit dem Tisch ist so eine Geschichte. Die Tischplatte ist aus skandinavischer Mooreiche und extrem hart.“ Den wirklichen Härtegrad des Holzes habe der Tischler, der mit der Fertigung des Tisches beauftragt war, unterschätzt. Die Folge war, dass im Laufe der Herstellung einige der benutzten Sägen zu Bruch gingen.

Das ist kein Wunder, denn Mooreichen sind nichts anderes als Eichenstämme, die aus trocken gelegten Sümpfen geborgen wurden. Sie erhalten ihren Härtegrad durch jahrhunderte – wenn nicht gar jahrtausendelanges Liegen im Moor. Während dieser Zeit geht die Gerbsäure des Eichenholzes mit den Mineralien des Wassers eine Verbindung ein, die das Holz extrem hart macht.

Beim Bodenbelag entschieden sich Hansjörg Schiner und Gerlinde Dorner ebenfalls für Holz. Weiß geölte Lärche schien ihnen dabei die beste Wahl zu sein: „Wir wollten vermeiden, dass es zu rustikal wirkt“, erklärt der Hausherr. Eine breite Glastürfront führt vom Wohnbereich aus in den zum Teil mit Hartholzbrettern ausgelegten Gartenbereich. „Im Sommer ist das unser Lieblingsplatz“, plaudert der Hausherr aus dem Nähkästchen, „geschützt durch das breite Vordach vor der heißen Mittagssonne, kann man hier wunderbar essen und die Aussicht genießen.“ In der Tat ist die Aussicht, die sich dem Betrachter bietet, beachtenswert.

Steil fallen die Hänge der Berghänge auf der gegenüberliegenden Talseite ab, gehen dann in die Wiesen der Bergbauernhöfe über, bis sie schließlich im Dorf Vintl enden, das an diesem Nachmittag noch die letzten Sonnenstrahlen genießt, während hier oben schon lange der Schatten liegt. „Tja, im Winter haben wir hier drei Monate lang keine Sonne“, erklärt Hausherrin Gerlinde Dorner, „aber über das ganze Jahr gesehen haben wir mehr Sonnenstunden als unten das Dorf. Im Sommer scheint sie hier oben viel länger als im Tal.“ Wie Architekt Martin Stauder hinzufügt, sei die fehlende Sonne im Winter auch der Grund, warum durch das in Holzbauweise erbaute Haus nur als Klimahaus B eingestuft wurde. Durch die sonnenlosen Wintermonate würde die Energiebilanz negativ beeinflusst.Stauder: „Stünde das gleiche Haus auf dem Ritten, dann wäre es sicher als Klimahaus A eingestuft worden.“

Eine aus Stahl und Holz gefertigte Treppe führt in das obere Stockwerk, das von einem einzigen Raum eingenommen wird. Eine breite Glasfront gibt auch hier den Blick auf die Berge frei. Zurzeit dient dieser Raum hauptsächlich als Gästezimmer. Königlicher können Besucher wohl nicht untergebracht werden.

Der Durchgang vom Wohnzimmerbereich zur Küche ist offen. Die Küche selbst befindet sich in einem lang gestreckten Quader, der von außen an das Haus angedockt erscheint. Auf seinem Dach trohnt die weitläufige Terrasse. Auch die Küche ist lichtdurchflutet, die Einrichtung linear und funktionell gestaltet. Eine große Kochinsel ist der zentrale Blickfang, darin ist alles untergebracht, was zum Kochen notwendig ist. Durch diese Anordnung blieben die Wände frei von jedwedem Mobiliar, was die klare Schlichtheit noch einmal unterstreicht. Die mit dem Haus verbundene Kopfseite wurde mit einer hohen Küchenzeile verbaut, in der unter anderem Kühlschrank und Backofen untergebracht sind. Der Clou dabei: Darin eingelassen ist die Tür, die in die dahinter liegende Vorratskammer führt. Eine elegante und witzige Lösung zugleich.

Dafür, dass in dem Klimahaus auch im Inneren das Klima passt, sorgt eine automatische Belüftung, die alle Räume mit dosierter Frischluft versorgt. Die Lüftungsöffnungen sind zum Teil in den Decken, zum Teil in den Böden integriert. Das sorgt für eine sanfte und kaum wahrnehmbare Quellbelüftung. Um der Problematik von zu trockener Luft entgegenzuwirken, griffen die Bauherren auf ein natürliches Mittel zurück: Sowohl die Decke im Wohnzimmerbereich als auch mehrere Wände wurden mit Lehm bestrichen. Hansjörg Schiner: „Der Lehm nimmt Feuchtigkeit auf und gibt sie bei Bedarf wieder ab. Dadurch ist ein ausgeglichenes Raumklima gewährleistet.“ Dass in der aufgetragenen Lehmschicht mit der Zeit Risse entstehen können, nahmen die Eigentümer in Kauf. Zur Wärmegewinnung wird Erdwärme genutzt. Die gesamte dazu nötige Technik ist in den Kellerräumen des Hauses untergebracht.

Nicht sofort klar war, welche Farbe die außen angebrachten Trespa-Platten haben sollten. Lieber unauffällig oder doch etwas selbstbewusster? „Als wir aber dann dieses Rot im Katalog gesehen haben“, erzählt Architekt Martin Stauder, „war uns eigentlich allen sofort klar, dass nur diese Farbe passt.“ Nicht zuletzt harmoniere gerade dieser Farbton am besten mit dem neben dem Gebäude stehenden Kirschbaum. Um den Baum nicht zu gefährden, wurde schließlich sogar das Haus um einige Meter versetzt. Dass die Form und das Aussehen des Hauses nicht bei allen sofort auf Gegenliebe stieß, ist verständlich. So mancher vormalige Kritiker findet aber am nun fertig gestellten Haus Gefallen. Der Jury des Architekturwettbewerbes „Architetti interpretano la casa d‘abitazione italiana“ gefiel es auf Anhieb. Unter 180 eingereichten Arbeiten wurde das Haus Dorner/Schiner unter die 25 besten gewählt.