Bauvorhaben: Wettbewerb für den Neubau der öffentlichen Bibliothek
Bauherr: Gemeinde Brixen
Ort: Brixen / Südtirol
Verfasser: Dr. Arch. Martin Stauder

Urbanistische Qualität

Eine Bauaufgabe wie diese, die im Herzen der Brixner Altstadt situiert ist, verlangt vor allem nach einem sensiblen Umgang mit den bestehenden historischen Strukturen und Gebäuden. Der Neubau soll einerseits die Nachbarschaft nicht durch seine Dominanz erdrücken, andererseits soll er sich auch nicht zu sehr zurücknehmen, um seinem Bauplatz und Kontext gerecht zu werden.

Auf beides wurde im Entwurf geachtet. Der Baukörper lehnt sich in seinen Proportionen an die umliegenden Gebäude an, ebenso übernimmt er die vorherrschende Geschosszahl des Altstadtbezirks. Auch die Dachgestalt in Form eines Satteldachs wurde mit Blick auf die Umgebung gewählt.

Der notwendige Anschluss an Gerichtsgebäude und Ex-Finanzgebäude wurde in einer Art gestaltet, welche die Baukörper der historischen Gebäude in ihrer Dimension noch gut erkennen lässt. Wichtige Funktionen und Charakteristika der Altbauten, wie etwa der Erker des Gerichtsgebäudes, wurden berücksichtigt, beibehalten und in ihrer Qualität nicht geschmälert.

Architektonische Qualität

Der Eingang zur Bibliothek befindet sich am Domplatz und führt über den Durchgang und die Treppe des Gerichtsgebäudes in das erste Geschoss. Hier wird man im größten und zugleich wohl historisch wertvollsten Raum der beiden Bestandsbauten empfangen. Damit beginnt für den Besucher die Bibliothek abseits des Magazins im ersten Obergeschoss und entwickelt sich dann im umbauten Raum nur mehr nach oben. Damit wird eine zu starke Verästelung der einzelnen Bereiche vermieden. Der Zugang vom Domplatz ist gewährleistet und man gelangt sofort in einen sehr ansprechenden Bereich des Altbaus.

Der Neubau weist eine klare, einfache und verständliche Form auf. Er beschränkt sich auf zwei Obergeschosse und das Dachgeschoss, das Erdgeschoss weist keine Klimahülle auf, dient der Erschließung und kann als überdachte Freifläche für Veranstaltungen wie etwa ein Freiluftkino, Lesungen oder Buchvorstellungen genutzt werden. Durch den Verzicht auf das Erdgeschoss wird überdies der ehemalige „Krautgarten“ mit dem großen Garten an der Ostseite des Neubaus verbunden, sodass alle Freiflächen zusammen wachsen und eine Einheit bilden, aber trotzdem eine gute Gliederung erfahren.

Zu erwartende archäologische Funde und Ausgrabungen werden durch die Abhebung des Gebäudes vom Grund nicht gestört. Sie können erhalten, oder zu einem späteren Zeitpunkt ergänzt und vervollständigt werden.

Der Baukörper selbst ist erst ab dem ersten Obergeschoss vorhanden, die Mauer zur Brunogasse hin nimmt zwar die Materialität, nämlich den strukturierten, schmutzig weisen Putz, desselben auf, ist aber durch einen waagrecht verlaufenden Schlitz von ihm abgetrennt, sodass der Baukörper von der Gasse aus gesehen zu schweben scheint.

Den Anschluss an den historischen Bestand schafft der Neubau durch eine Glaskonstruktion, die gemeinsam mit der Decke des Erdgeschosses bis zum Dach hin direkt an die alten Gemäuer anschließt. So entsteht keine Schlucht zwischen Bestand und Neubau, die weder Nutzen noch Effekt bringt. Durch den direkten Anschluss der ersten Geschossdecke an den Bestand und den Rücksprung der beiden oberen Decken, werden die ehemaligen Außenfassaden der historischen Gebäude Teil des Innenraums und somit für den Nutzer der Bibliothek unmittelbar erlebbar.

Bei der Gestaltung der Innenräume des Neubaus wurde besonders darauf geachtet, der Bibliothek jene Raumqualität zu geben, die im Altbau nicht gegeben ist: Große, überschaubare Räume. Die Gliederung in den großen Räumen soll hauptsächlich durch das Mobiliar erfolgen.

Einzelne, gezielt positionierte große Glasflächen die teilweise über zwei Geschosse laufen, erlauben dem Besucher spannende Ausblicke, schaffen Bezug zum Außenraum und laden zum Besuch im Garten ein. Somit ist eine gute Orientierbarkeit nach Außen auf allen Geschossen und in alle Richtungen gewährleistet. Ansonsten gibt sich der Baukörper eher geschlossen und unterstützt damit Konzentration und Ruhe bei der Lektüre.

Funktionalität

Bei der Erfüllung des Raumprogramms wurde darauf Wert gelegt, die bestehenden historischen Gebäude bestmöglich zu nutzen und Nutzungen, die sich in den bereits fest vorgegebenen Räumen nicht zufriedenstellend unterbringen lassen, im Neubau anzusiedeln. So wurden besonders großflächige Bereiche wie die Sachmedien, die Belletristik oder der Zeitungsbereich in den Neubau gelegt, um diese möglichst kompakt und übersichtlich unter zu bringen. In den Geschossen des Ex-Finanzgebäudes wurde auf eine homogene Nutzung geachtet und so finden sich dort auf jeweils einem Stockwerk Internetcafé, Jugendbereich und Lese- bzw. Veranstaltungssaal.

Gerichtsgebäude, Ex-Finanzgebäude und Neubau bilden im ersten Geschoss ein zusammenhängendes Niveau. Die folgenden Geschosshöhen des Neubaus wurden an jene des Ex-Finanzgebäude angepasst, sodass diese beiden Gebäude eine optimale Einheit in ihrer Nutzung ergeben. Dazu wurden die Anschlüsse auch nicht halbgeschossig in das Treppenhaus des Ex-Finanzgebäudes geführt, sondern die Verbindungstüren anstelle von bestehenden Fenstern gesetzt. Die innere Erschließung des Gebäudes über das Treppenhaus bleibt natürlich erhalten. Das Treppenhaus des Neubaus schließt über Verbindungstreppen an das Gerichtsgebäude an, und ersetzt damit vollständig die bestehende Fluchttreppe.

Kann man die Treppe nicht benutzen, nimmt man einen der zu Verfügung stehenden Aufzüge, am Drehpunkt zwischen Neu- und Altbauten oder am Haupteingang vom Domplatz, und eine barrierefreie Nutzung vom Bibliotheksgarten bis zum Dachgeschoss ist gewährleistet.

Bau und Anlagentechnische Elemente

Die vertikale Tragstruktur des Neubaus wird von Stahlbetonscheiben gebildet, welche alle Geschosse durchlaufen. Massive Geschossdecken bringen viel Speichermasse in das Gebäude und sorgen für einen guten Schallschutz. Be- und Entlüftung erfolgt über ein kontrolliertes Lüftungssystem mit Wärmerückgewinnung in den Geschossdecken. Die Beschattung ist in textiler Form vorgesehen. Damit kann sowohl eine blendfreie Tageslichtsituation wie auch eine komplette Verdunkelung erzielt werden.

Die in die Speichermasse integrierte Niedertemperatur Flächenheizung sorgt bei einer ausgezeichneten Qualität der Gebäudehülle für ein gleichmäßiges und konstantes Raumklima. Im Bedarfsfall kann dieses System auch der Gebäudekühlung dienen. Die hochwertigen Verglasungen mit Weißglasscheiben sorgen für eine gute Tageslichtnutzung und bringen viele passive solare Gewinne. Auf den nach Osten und Westen gerichteten Dachflächen können zusätzlich PV-Module in die Dachhaut integriert werden, sofern sie mit den Kriterien des Denkmal-und Ensembleschutzes im Bezirk vereinbar sind. Das Gebäude wird an das bestehende Fernwärmenetz der Stadt Brixen angeschlossen. In seiner Qualität wird der Neubau zumindest den Kriterien eines Klimahauses A entsprechen und durch den gezielten Einsatz von energiesparenden Maßnahmen, ökologischen Baumaterialien und intelligenter Gebäudesteuerung zu einer nachhaltigen Bibliotheksbewirtschaftung mit niedrigen Betriebskosten beitragen.